Nachbar

Wir hatten einmal Nachbarn. Der Mann der Familie hieß Adam. Er war mit seiner Familie vor vielen Jahren aus Rumänien geflohen und hat sich in Deutschland ein Leben aufgebaut. Zusammen mit seiner Frau arbeitete er in einer Plastikfabrik. Teilweise hat er zwei Schichten nacheinander gearbeitet um das Haus bezahlen können und der Familie ein schönes Leben gönnen zu können. Vor 5 Jahren ist er an Krebs gestorben. Ich erinnere mich noch genau an ihn und viele Momente mit ihm – er war immer sofort der erste, der zur Stelle war wenn jemand von uns Hilfe gebraucht hat. Frische Salate aus seinem Garten, das Gartenhaus das gestrichen werden sollte – er war immer zur Stelle und das, ohne das wir ihn darum gebeten hatten.

Wir hatten einmal Nachbarn. Die liebe Verwandschaft. Die Hecke stets akkurat, der Garten top gepflegt. Wenn bei uns im Garten eine neue Bank stand, stand sie dort 3 Tage später auch – und umgekehrt. Gemeinsame Grillabende? Fehlanzeige. Gemeinsame gemütliche Tage im Garten? Fehlanzeige. Die Atmosphäre empfand ich als geprägt von Neid und Missgunst. Die Größe des Autos und die Ausstattung des Gartens schien objektiv betrachtet wichtiger als das Maß an Herzlichkeit und Nähe.

Ich habe schon öfter darüber nachgedacht und mich auch darüber geärgert. Ich habe mich auch gefragt ob es ein kulturelles Erbe ist – sind die Deutschen missgünstiger, egoistischer? Oder ist es tatsächlich einfach eine Charaktersache? Oder gar eine Erziehungssache – den bildet sich der Charakter nicht maßgeblich über die Erziehung und vor allem die Vorbildfunktion? Die Ansichten eines schwedischen Filmemachers – namentlich Kay Pollak, 73 Jahre jung, langes graues Haar, ein Schwede – gefallen mir und helfen mir bei der Grübelung darüber. Er hat von 1976 bis heute genau 4 Filme gemacht: Elvis! Elvis!, Heimliche Ausflüge, Älska Mej und Wie im Himmel. Für ihn spielen alle Begegnungen mit Menschen eine entscheidende Rolle in seinem Leben. Er glaubt. dass wir vieles von den Menschen lernen können, die wir treffen – man müsse sich einfach vorstellen, dass jeder, den wir kennenlernen, eigens gesandt wurde, um etwas zu lehren. Und das jede Begegnung eine einmalige Gelegenheit ist um die eigene Persönlichkeit weiterzuentwickeln.

Das finde ich einen inspirierenden Gedaken. Die Dinge mehr noch als Erfahrung als Lehre zu betrachten. Wobei Lehre immer so negativ klingt finde ich, aber letztlich ist es doch genau das – alles in unserem Leben, eine Lehre – wir lernen im Bestfall stetig. In den letzten Tagen habe ich einmal ganz bewusst darauf geachtet und versucht die Dinge und Menschen um mich herum aus genau diesem Blickwinkel zu betrachten. Da gab es die chinesische Dame in dem mit vielen bunten Blinklichtern ausgestatteten Nagelstudio. Eigentlich wollte ich wieder rückwärts aus dem Laden rausgehen… Aber die Frau war so nett und als ich mit ihr ins Gespräch kam verflog jeglicher Zweifel und Skepsis und ich dachte, Geduld, das hat sie mir wahrlich voraus. Dann gibt es da die Kollegin, die mich zur Weißglut bringt, damit, dass sie immer nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht ist – aber aus diesem Blickwinkel heraus betrachtet dachte ich mir nun – naja, Egoismus, vielleicht ist es das was sie dir mit auf den Weg geben kann, auch mal nur an sich selbst zu denken. Aber wenn jeder nur noch egoistisch ist und nur noch auf seinen eigenen Vorteil bedacht, wo stünde denn dann die Welt heute? Bei noch mehr Streit, Krieg und Hass? Ich bin da mehr aufs Adam’s Seite und teile Salat und Streichpinsel mit meinen Nachbarn. Aber der Unterschied aus diesem, Kay Pollaks Blickwinkel, betrachtet: ich versuche es positiv zu sehen und auch diese Erfahrung der Zusammenarbeit mit ihr als Lehre aufzufassen statt mich darüber zu ärgern. Denn letzlich gibt es doch nur eine Sache, die wir selbst stets beeinflussen können: unsere Gedanken. Durch sie können wir unsere Gefühle und unsere Realität erschaffen. Wir sind persönlich für das verantwortlich, was wir sehen wollen. Allerdings werden Gedanken, Ansichten und Standpunkte oft irrtümlich für die Wahrheit gehalten. Wenn wir aber über diese Gedanken hinausgehen, stellen wir fest, das jede Interpretation unseres eigenes Lebens oder des Lebens und Verhaltens von jemand anderem und jede Beurteilung einer beliebigen Situation nichts weiter als sein Standpunkt ist, eine von vielen Betrachtungsweisen. Und wir haben immer die Wahl, ob wir Opfer der Umstände sein wollen oder ob wir Verantwortung übernehmen und unser Leben selbst kontrollieren. Liebe und Glück stehen immer zur Auswahl, nur das Leben stellt uns immer wieder auf die Probe.